Gewebeablösungen, Dinos und Korallenbleiche

Korallen sind Tiere und Tiere müssen fressen. So einfach ist das nun mal. Vielen Meerwasseraquarianern scheint die Bedeutung dieser simplen Tatsache jedoch völlig unklar zu sein. Doch nur mit dieser Erkenntnis lassen sich so rätselhafte Probleme wie Gewebeablösungen, braune Dino-Teppiche und möglicherweise auch die berüchtigte Korallenbleiche in den Griff bekommen.

Wenn Korallen verhungern – Stephan Gohmann

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In der Biologie wird zwischen heterotrophen und autotrophen Lebewesen unterschieden. Zu den autotrophen gehören die Pflanzen. Sie sind nämlich in der Lage, mit Hilfe des Sonnenlichts Nahrung aus anorganischen Verbindungen, zu den bekanntesten zählen Kohlendioxid, Nitrat und Phosphat, zu erzeugen. Heterotrophe Wesen wie Mensch und Tier müssen organische Substanzen, also anderes Leben oder dessen Überreste und Erzeugnisse zu sich nehmen, vereinfacht ausgedrückt, sie müssen essen, um zu überleben. Was aber ist eine Koralle? Der Wirt ist ein Tier. Die Zooxanthellen, die dieser Wirt beherbergt, sind jedoch Pflanzen. In den Köpfen vieler Aquarianer hat sich seit Jahr und Tag der Gedanke festgesetzt, eine Koralle lebe hauptsächlich von „Luft und Liebe“ oder besser gesagt von Licht und dem was ihre Untermieter, die Zooxanthellen, mit Hilfe des Lichtes an Nahrung produzieren sowie von im Wasser gelösten anorganischen Verbindungen, die wir heutzutage mittels ICP analysieren, um sie mit Hilfe diverser Additive halbwegs konstant zu halten. Mehrheitlich scheint man tatsächlich dem Glauben verfallen zu sein, eine Koralle ernähre sich von Calcium, Magnesium, Karbonat und einigen Spurenelementen. Dieser Trugschluss ist der Hauptgrund, warum in Riffaquarien Dinge schieflaufen. Immer dann, wenn Aquarianer darüber rätseln, ob den Korallen möglicherweise Iod fehle, der Calciumgehalt passe, die Karbonathärte im richtigen Bereich liege oder ob irgendein anderer anorganischer Parameter wohl so sei, wie er vermeintlich sein solle und daraufhin bei festgestellten Abweichungen konstatieren, dass aus genau diesem Grunde Korallen kümmern oder gar absterben, dann liegt fast immer Nahrungsmangel in Form von Futter, also „heterotropher Nahrung“ vor.

Bild 1: Korallen (gemeint ist der Wirt, nicht seine Untermieter die Zooxanthellen), gehören zu den heterotrophen Lebewesen und die können anorganische Substanzen nicht als Nahrungsquelle nutzen.

Nach über 35 Jahren Meerwasseraquaristik, sowohl als Hobbyaquarianer als auch im professionellen Bereich, ist dies eine Erkenntnis, die ich nach ungezählten Versuchen immer wieder gewonnen habe. Dennoch hat diesen Aspekt seltsamer Weise kaum jemand auf dem Schirm. Es wird vorwiegend über Wasserparameter, Licht oder auch Strömung diskutiert, ich bin geneigt zu sagen fabuliert.

Dass Korallen, damit meine ich den Wirt als heterotrophes Lebewesen, Phosphor und Stickstoff benötigen, mit im Wasser gelöstem Phosphat beziehungsweise Nitrat aber nichts anfangen und von den Zooxanthellen ebenfalls nicht ausreichend mit diesen lebenswichtigen Elementen versorgt werden können, gilt seitens der Wissenschaft als gesichert. Um für sich und ihre Dinoflaggelaten in einer nährstoffarmen Umgebung an ausreichend Phosphor und möglicherweise auch an Stickstoff zu gelangen, muss die Koralle Plankton fangen. Für den Planktonfang besitzt sie Fangtentakeln und wenn sie die nicht richtig ausfährt, dann deswegen, weil es im Aquarium nichts zu fangen gibt. Ein sicheres Zeichen für Nahrungsmangel.

Was zunächst nach einer Behauptung meinerseits klingen mag, lässt sich durchaus verifizieren. Zum einen findet sich im Internet einiges an wissenschaftlicher Literatur zu dem Thema. Interessante Literaturstellen, allerdings ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit, habe ich weiter unten im Literaturverzeichnis aufgelistet. Zudem kann jeder beginnen, seine Korallen zu füttern und er wird, vorausgesetzt das Futter ist dazu auch geeignet und in ausreichender Menge vorhanden, eine Zunahme des Wachstums, intensivere Farben und ein besseres Polypenbild beobachten. Die Frage, ob wir füttern müssen, stellt sich für mich schon lange nicht mehr. Vielmehr bin ich darum bemüht herauszufinden, welche Nährstoffe Korallen benötigen, wie groß die Futterpartikel sein dürfen und wieviel wir wie oft füttern müssen.

Bild 2: Erhalten Korallen bei guter Wasserqualität und ausreichend Licht genügend Nahrung, legen sie ein zügiges Wachstum an den Tag.

Auf das Thema „geeignetes Futter“ werde ich im Folgenden noch ausführlicher eingehen. In der Regel gelangt man einige Zeit, nachdem man mit den Futtergaben begonnen hat, an einen Punkt, an dem sich die zunächst auftretenden Verbesserungen wieder zu verschlechtern beginnen. Fütterung belastet das Wasser und Korallen mögen „verunreinigtes Wasser“ ganz und gar nicht. Unglücklicherweise erkennen wir eine schleichende Wasserverschlechterung beim Einsatz geeigneter Methoden zur Reduktion von Phosphat und Nitrat nicht mehr am Anstieg dieser Wasserwerte. Wir glauben, solange die niedrig sind, sei „wasserqualitätsmäßig“ alles im grünen Bereich. Allerdings führen nach meinen Beobachtungen erhöhte Nitrat- und Phosphatwerte auch nicht zwingend zu Problemen bei den Korallen.

Bild 3: In diesem Aquarium mit fast 70 mg/l Nitrat und einem Phosphatgehalt von knapp 1,0 mg/l wuchsen gefütterte Steinkorallen ganz ausgezeichnet. Selbst bei sommerlichen Temperaturen von fast 30°C zeigten sie keinerlei Ausbleicherscheinungen.

Ein Erkennungsmerkmal für abnehmende Wasserqualität neben der Bestimmung Messung von Phosphat und Nitrat ist ein ständig sinkendes beziehungsweise konstant niedriges Redoxpotential (< 300 mV), verursacht durch Sauerstoffzehrung und organische Verbindungen, wobei letztere, wenn man der Wissenschaft glauben darf, erheblich schädlicher seien als erhöhte Phosphatwerte. Allerdings hat auch frisch angesetztes Meerwasser meist einen Redoxwert unter 300 mV ohne dass das gleich tragisch wäre. Der wird in dem Fall nicht durch organische Sustanzen sondern durch einen Mangel an oxidierenden Verbindungen verursacht. Auch eine fallende Tendenz beim pH-Wert ist ein Indiz für eine zunehmende Wasserbelastung. Zwar gibt es so allerlei Methoden, um Einfluss auf die Wasserqualität zu nehmen, Nitrat- und Phosphatfilter gehören dazu, Pelletreaktoren, Algenfilter, die Wodkamethode und ihre Abwandlungen, Abschäumer nicht zu vergessen, aber die reichen erstens keineswegs immer aus oder wiegen uns, wie bereits erwähnt, bisweilen in trügerischer Sicherheit. Bei einer Verschlechterung der Wasserwerte, überwiegend festgemacht am Anstieg von Nitrat und Phosphat, neigen Aquarianer dann dazu, die Fütterung zu reduzieren. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem sich gewissermaßen die Katze in den Schwanz beißt, wie man so schön zu sagen pflegt. Weniger Futter führt zu noch mehr Nahrungsmangel, mehr zu weiterer Wasserbelastung. Glücklich der, der über ausreichend Platz zum Ansetzen größerer Mengen Meerwasser verfügt. Er kann wie hier von mir beschrieben größere, sogar wöchentliche Wasserwechsel bis zu 80% durchführen, ohne dass dies zu Schäden bei den Bewohnern führt. Ganz im Gegenteil, Korallenfütterung und umfangreiche Wasserwechsel könnten wie für einander gemachte Partner sein, wären sie nicht beide dummerweise in der Meerwasseraquaristik eher unüblich.

Bild 4: Häufige, großzügige Wasserwechsel sind, so meine Erfahrung, gefahrlos für die Bewohner und ein Garant für optimale Wasserwerte. Sie gleichen die durch die Fütterung entstandene Wasserbelastung aus und man kann sich das mühselige Bestimmen und Korrigieren von Wasserwerten größtenteils sparen.

Sicherlich wird jetzt der Einwand kommen, manch ein Aquarianer habe ein tolles Korallenwachstum ohne seine „Niedere Tierwelt“ speziell zu füttern. Das ist richtig, aber kein Widerspruch. In solchen Aquarien werden die Fische, häufig sogar recht viele, entsprechend ernährt und dabei fällt natürlich auch Futter für den Rest der Welt sprich des Aquariums ab. Das mag ausreichen, muss es aber nicht. Korallen sind zudem in der Lage, sich von Bakterien ernähren. Mit Hilfe der Wodkamethode, Nitratfiltern oder Pelletreaktoren vermehrt man diese und füttert so zusätzlich seine Korallen. Allerdings reicht das nach meinen Erfahrungen als alleinige Futterquelle nicht aus, zumal ein Großteil der Bakterien abgeschäumt wird, wie man mit Hilfe von Keimzahlbestimmungen in frischem Schaum oder Absorbat leicht feststellen kann. Dass großpolypige Steinkorallen (LPS) im Vergleich zu den kleinpolypigen (SPS) als pflegeleichter gelten, hängt möglicherweise ebenfalls mit dem Futter zusammen. Die LPS können nämlich größere Futterpartikel erbeuten und die stehen im Rahmen der normalen Fischfütterung häufiger zur Verfügung als besonders kleine. In vielen Rückfragen an Besitzer gut funktionierender Aquarien kam von denen mehrheitlich als Antwort, dass Flockenfutter ein wichtiger Bestandteil der Fütterung sei. Das führte bei mir dazu, damit einige Versuche durchzuführen. Im Folgenden möchte ich verschiedene Fütterungsmethoden vorstellen, inklusive der damit von mir gemachten Erfahrungen.

Unter anderem angeregt von Dirk Petersen, der während seiner Zeit am Rotterdamer Aquarium große Erfolge mit der Verfütterung von frischgeschlüpften Artemianauplien hatte, war dies das erste von mir erprobte Futter. Artemianauplien haben Größen zwischen 400 und 500 µm, also knapp einen halben Millimeter. Ob jede Koralle in der Lage ist, diese Abmessungen zu bewältigen, ist zumindest fraglich. Bekannt ist, dass sich Korallen von Bakterien, die gehören zum Picoplakton (0,2 bis 2,0 µm), bis hin zu Copepoden, die zählt man zum Makroplankton (200 bis 2000 µm), ernähren. Dazwischen gibt es noch das Microplankton (20-200 μm) und das Nanoplankton (2-20 μm).  Es ist recht arbeitsintensiv, Artemiacysten zum Schlupf zu bringen, die geschlüpften Nauplien weitestgehend von den Schalen zu trennen und zeitnah zu verfüttern, das heißt bevor sie zu wachsen beginnen, aufgrund fehlender Fütterung Nährstoffe verlieren und zudem noch größer werden, als sie ohnehin bereits sind. Will und kann man diesen Aufwand treiben, sind frischgeschlüpfte Nauplien ein sehr geeignetes Futter für eine Vielzahl der Korallen. Wegen ihrer Größe möglicherweise aber nicht für alle und es bedeutet zudem auch eine Menge Arbeit.

Bild 5: Selbst gebauter Brutapparat zum Schlupf von Artemianauplien: 1. Regelheizer  2. Thermometer  3. Fünf-Liter-Eimer (Henkel entfernt) 4. Passender Umtopf aus Isoliermaterial (Topf aus geschäumten Polypropylen ∅ 25 cm x 25 cm der Firma iqbana)  5. Membranpumpe  6. Rückschlagventil  7. Umgedrehte PET-Flasche mit abgeschnittenem Boden  8. Regulierhahn.

In der PET-Flasche befindet sich Meerwasser aus dem Aquarium, im Eimer Osmosewasser, damit beim Verdunsten keine Kalkablagerungen entstehen. Um den Schlupf der Nauplien zu beschleunigen, halte ich die Wassertemperatur bei 28-30°C. Eine Membranpumpe belüftet grobperlig und sorgt für ausreichend Sauerstoff.

Bild 6: So erntet man die geschlüpften Nauplien. Bei Temperaturen zwischen 28° und 30°C beträgt die Zeit bis zum Schlupf in der Regel 24 bis 36 Stunden. Man sollte zeitnah verfüttern, weil die Nauplien sonst zu wachsen beginnen und ohne Nahrung an Nährwert verlieren. Um die Nauplien von den Eiern zu trennen, stelle ich das Schlupfgefäss – es besteht hier aus einer umgedrehten PET-Flasche, bei der ich den Boden mit einer Nagelschere entfernt habe – erhöht in eine durchsichtige Glasvase. Nach einigen Minuten sind die ungeschlüpften Eier abgesunken, die leeren Schalen schwimmen an der Oberfläche und die Nauplien zuppen irgendwo dazwischen herum. Sie bewegen sich zum Licht und können dort abgesaugt werden. Dazu verwende ich einen 8mm-PVC-Schlauch und eine Filtersocke mit 200 µm Maschenweite, die in einem Messbecher sitzt. Vor dem Verfüttern spüle ich die Nauplien mit etwas Salzwasser ab.

Bild 7: Solch ein Reaktor aus dem Hause Aqua Medic lässt sich auch in einem Filterbecken unterbringen. Man benötigt keine zusätzliche Heizung, um die Nauplien möglichst schnell schlüpfen zu lassen.

Weniger arbeitsintensiv und mit 200-250 Mikron auch kleiner sind geschälte, getrocknete Artemiacysten. Sie schwimmen aber, solange sie trocken sind, an der Wasseroberfläche und verschwinden anschließend ruckzuck im Überlauf. Will man das vermeiden, gibt man sie in ein kleines Gläschen. Man kann die Cysten sogar noch mit Aminosäuren oder Vitaminen beträufeln und sobald die Tropfen vom Futter aufgesaugt sind, alles mit etwas Wasser aufschütteln. Wenn das Futter richtig durchnässt ist, sinkt es herunter und wird ins Aquarium gegeben. Möglichst nicht an einer Stelle, die in der Nähe des Überlaufes liegt. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass man ein Futterröhrchen, das etwas aus dem Wasser herausragt und etwa 10 cm tief eintaucht, an einer Aquarienscheibe befestigt. Die mit einem kleinen Dosierlöffel oder Trichter oben in das Röhrchen eingebrachten, trockenen Artemiaeier sinken, sobald sie sich vollgesaugt haben, im Röhrchen nach unten und können danach nicht mehr an der Oberfläche Richtung Überlauf entschwinden. Klar, etwas landet immer im Filter aber damit kann ich leben. Futtertasten nutze ich grundsätzlich nicht, da Korallen eine gewisse Mindestströmung benötigen um optimal Plankton fangen zu können.

Bild 8: Man füllt die gewünschte Menge geschälter, getrockneter Artemiacysten z.B. in ein kleines Testgläschen, wie man es bei vielen Wassertests als Zubehör findet, gibt etwas Wasser hinzu und schüttelt, bis alle Eier abgesunken sind.

Bild 9: Man kann auch noch ein paar Tropfen Aminosäuren oder Vitamine zusetzen und vom Futter aufsaugen lassen, bevor man das Wasser zufügt.

Bild 10: Mit solch einem selbst gebauten Futterrohr verhindert man, dass sich Trockenfutter umgehend auf der Wasseroberfläche verteilt und im Überlauf verschwindet.

Frostfutter ist für die meisten Korallen eher zu groß, insbesondere dann, wenn man es zuvor auftaut und spült. Dann entschwinden zusammen mit dem unerwünschten Abtauwasser auch allerlei Kleinstpartikel. Aber sogar die Verwendung recht feiner Frostfuttersorten, gespült oder ungespült, konnte mich hinsichtlich des Polypenbilds und Korallenwachstums nicht überzeugen. Korallenaquarien ohne jeden Fischbesatz und somit ohne Fütterung erwiesen sich grundsätzlich als Problemaquarien. Die darin gepflegten Steinkorallen litten bei mir sehr oft unter Gewebeverlust, Wachstum war kaum bis gar nicht vorhanden, Dinoflagellaten, die sogenannte braune Pest, ein regelmäßiger Begleiter. Im Nachhinein ist das nicht verwunderlich. Korallen leben in einer Symbiose zwischen Wirt und besagten Dinoflagellaten. Ist das Aquarienwasser nährstoffarm und die Koralle nicht in der Lage, Futter zu fangen, also ihre Mitbewohner, die Algen zu ernähren, dann schmeißt sie sie halt raus. Vermutlich als eine Art Notwehrreaktion bevor sie selbst Schaden nimmt. Solche ausgestoßenen Zooxanthellen sind unter dem Mikroskop keineswegs beweglich, sondern liegen als kleine Kügelchen reglos herum. Sie besitzen zunächst auch keine Geißel, mit deren Hilfe sie sich fortbewegen könnten. In der Koralle wäre die ja ein vollkommen überflüssiges Anhängsel. Erst nachdem sie diesen Bewegungsapparat erneut gebildet haben, sieht man sie unter dem Mikroskop auch schwimmend.

Bild 11: Dinoflagellaten unter dem Mikroskop betrachtet.

Bild 12: Nicht zu verwechseln mit den völlig unproblematischen Kieselalgen, die vielen Bewohnern sogar als Nahrung dienen.

Bild 13: Dies sind Kieselalgen. Man sieht deutlich die Fraßspuren der Fische und Schnecken. Diese Diatomeen benötigen Silikat, sind aber harmlos.

Feature Article: Silica In Reef Aquariums By Randy Holmes-farley, Ph.D.

Bild 14: Dinoflagellaten können nicht nur auf der Dekoration sitzen, sondern auch im freien Wasser umher schwimmen. Mit erhöhten Silikatgehalten hat ihr Erscheinen aber nichts zu tun.

Kommen wir nun zu den Trockenfuttersorten. Da gibt es welche, die wurden speziell für Korallen entwickelt. Manche davon sind auch Suspensionen. Welche dieser handelsüblichen Sorten zu guten Wachstumsergebnissen führen, mag jeder selbst testen. Mir geht es hier nicht darum herauszufinden, welche dieser Futtersorten denn wohl die geeignetste sei, sondern um die Frage ob eine Fütterung erforderlich ist, was sie bewirkt und welche Partikelgrößen beziehungsweise welche Inhaltsstoffe bedeutsam sind. Deswegen bin ich einen etwas anderen Weg gegangen und habe mich unter den Fischfuttersorten mit vorhandener Inhaltsangabe umgeschaut, um mir daraus mein „eigenes“ Futter herzustellen. Den Korallen ist es letztlich vollkommen wurscht, ob das Futter für sie oder für Fische, egal ob Süß- oder Meerwasser, entwickelt wurde. Beginnen wir mit der Zusammensetzung dieser Trockenfuttersorten. Viele von denen enthalten relativ wenig Fett. Meist unter 10%. Ich suchte nach Futter mit höherem Fettgehalt, möglichst im Bereich von 14 – 18% bei einem Proteingehalt zwischen 35 und 55%. Als ideal gilt ein Verhältnis zwischen Protein und Fett von 1 : 3. Fett dient als Energielieferant. Bei zu niedrigem Fettgehalt müssen Fische die Energie aus dem Protein durch „Eiweißverbrennung“ erzeugen. Eigentlich wird Protein für das Wachstum und nicht zur Energiegewinnung genutzt, denn dabei entsteht aus der Aminogruppe Ammonium bzw. bei hohen pH-Werten giftiges Ammoniak. Inwieweit Korallen damit Probleme haben könnten, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Fest steht allerdings, dass die Zooxanthellen ihrem Wirt gesättigte und mehrfach ungesättigte Fettsäuren zur Verfügung stellen können und dieser somit Fette möglicherweise nicht zwingend über das Futter aufnehmen muss.

Bild 15: Handelsübliche Trockenfutter für Aquarienfische sind für viele Korallen eher zu grob.

Beim Verfüttern von Futtersorten mit höherem Fettgehalt bricht meist die Schaumbildung im Abschäumer für einige Zeit zusammen, ein Vorgang, den wir nicht ändern können, der aber nach meinen Beobachtungen auch keine gravierenden Nachteile mit sich bringt. Allerdings sollten wir den Abschäumer in dieser Zeit nicht hochregeln, er würde dann später „überkochen“.

Bild 16: Hier sieht man, wie sich die Blasenbildung in einem Meerwasseraquarium ändert, wenn wir fetthaltige Futtersorten füttern. Rechts im Bild erkennen wir vor der Fütterung noch eine Vielzahl an Blasen, nach der Futterzugabe (linkes Bild) bricht die Blasenbildung komplett zusammen. Selbiges passiert im Abschäumer, er ist für einige Zeit nicht mehr in der Lage seinen Job zu verrichten. Bei Futtersorten mit geringerem Fettgehalt, wie z.B. geschälten Artemiaeiern, konnte ich das nicht feststellen. Sie sind in dieser Hinsicht unproblematischer.

Welche Fettsorten im Futter enthalten sind, gesättigte oder ungesättigte und welchem Verhältnis die zueinander stehen, das können wir dem Etikett in der Regel nicht entnehmen. Wir bekommen auch selten eine Antwort auf die Frage, wieviel Phosphat in dem Futter enthalten ist. Bei regelmäßigen, umfangreichen Wasserwechseln ist letzteres aber weniger wichtig. Welche Futtermittel höhere Fettanteile enthalten und welche nicht, lässt sich beim Blick aufs jeweilige Etikett feststellen. Also Augen auf beim Futterkauf und einfach mal verschiedene Sorten ausprobieren. Wie gesagt, ob für Korallen, Fische, für Süß- oder Meerwasser, all das spielt keinerlei Rolle.

Bild 17: Mit einem Mörser kann man solche Futtersorten zerkleinern …

Bild 18: … und mit Hilfe eines engmaschigen Teesiebs die gröberen Partikel entfernen.

Bild 19: Auch Futtersorten, die speziell für Korallen angeboten werden, lassen sich mit meiner „Mörser + Teesiebmethode“ nachträglich „verfeinern“. Den Korallen ist es übrigens ziemlich egal, ob das Futter für sie oder für Fische konzipiert wurde. Es muss die passende Größe haben und alle erforderlichen Nährstoffe enthalten. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass LPS unbedingt größeres Futter benötigen als SPS.

Futter für Aquarienfische, ob für Süß- oder Meerwasser spielt bei unserer Auswahl keinerlei Rolle, ist hinsichtlich seiner Größe für Korallen eher ungeeignet. Als passionierter Hobbykoch hat man aber einen Mörser im Haus und damit lässt sich die Partikelgröße erheblich verkleinern. Mit Hilfe eines feinen Teesiebs können gröbere Partikel abgetrennt und danach erneut gemörsert werden. Gefüttert wird das entstandene Pulver wie bei den Artemiaeiern beschrieben durch Aufschlämmen. Man kann es zwar auch direkt in ein Futterrohr geben, aber dabei bilden sich Klumpen, die wieder zu gröberen Bestandteilen führen. Will man es besonders fein haben, besorgt man sich eine handelsübliche Filtersocke mit 200 µm Maschenweite, gibt dort das aufgeschlämmte Futter hinein und zerreibt es dann von außen mit den Fingern während der Beutel mit dem Futter ins Wasser taucht. Dabei entsteht ein feiner Futterbrei, der sich gleichmäßig mit der Strömung im Aquarium verteilt. Dieser Aufwand erscheint mir allerdings für die Mehrheit der Korallen nicht unbedingt erforderlich.

Was wir herausfinden müssen ist, wieviel Futter wir für unser jeweiliges Aquarium benötigen. Meine Angaben beziehen sich übrigens nicht auf Aquarien mit überwiegend azooxanthellaten Korallen. Da mag mehr und anderes Futter erforderlich sein. In gut besetzten Riffaquarien mit einer Mischung aus Weichkorallen, LPS und SPS füttere ich zwei- bis viermal täglich getrocknete, geschälte Artemiaeier sowie eine von mir fein gesiebte Trockenfuttersorte mit etwas höherem Fettgehalt. Für ein gut besetztes 400-Liter-Aquarium scheint mir derzeit ein knapp gestrichener Teelöffel Trockenfutter pro Fütterung ausreichend zu sein. Aber das hängt sehr vom Besatz ab und dient somit lediglich als Faustformel. Einfluss auf die Fangquote der Korallen haben Strömungsgeschwindigkeit und Futterdichte. Der optimale Bereich bezüglich der Strömung liegt zwischen 2 und 10 cm/s. In einem 400 Liter Aquarium mit vier Strömungspumpen von je 8000 l/h landete ich bei meinen Messungen zwischen 1 und 3 cm/s. Um auf 10 cm/s zu kommen, musste ich zwei zusätzliche Strömungspumpen von 15000 l/h installieren. Dies führte aber an einigen Stellen zum Aufwirbeln des Bodengrundes und brachte nach meinen Bobachtungen keine wirkliche Verbesserung hinsichtlich des Polypenbildes und des Wachstums. Insofern bin ich wieder auf meine eher im unteren Bereich liegende, ursprüngliche Strömunggeschwindigkeit von 1 – 3 cm/s zurück gegangen. Mit 4 x 8000 l/h liegt die aber immer noch beim 80fachen des Beckenvolumens. Wir erinnern uns, früher wurden mal Beckenvolumen mal Faktor 5 bis 10 als ausreichend angesehen und das liegt keineswegs daran, dass heutige Strömungspumpen in ihrer Leistung schlechter wären, sondern dass sie aufgrund Ihrer Bauweise eine breiter gefächerte und somit weichere Strömung erzeugen. Der Einsatz von Futtertasten, die die Strömung während einer Fütterung reduzieren oder gar ganz abschalten, ist in Anbetracht der Tatsache, dass Korallen für eine gute Fangrate eine für unsere Aquarienverhältnisse recht hohe Strömung benötigen, völlig falsch. Führt eine Fütterung nicht zum gewünschten Erfolg, kann dies an mangelnder Strömung liegen. Zuviel scheint mir nach meinen Messungen eher unwahrscheinlich zu sein. Es würde deshalb mehr Sinn machen, während der Fütterung die Strömung durch das Zuschalten einer weiteren Pumpe zu erhöhen.

Bild 20: Wachstum hängt aber keineswegs nur vom Futter ab. Im Foto sehen wir zwei Ableger derselben Koralle im selben Aquarium, das heißt bei identischen Wasserverhältnissen und gleicher Fütterung. Die rechte hat erheblich mehr weiße Wachstumsspitzen als die linke. Das stärkere Wachstum wurde durch mehr Licht verursacht. Bei der langsamer wachsenden ermittelte ich einen PAR-Wert von etwa 250 µmol/(s·m²), die andere erhielt fast doppelt soviel Licht. Die Strömungsgeschwindigkeit war mit 2 cm/s gleich. Ohne Fütterung hatten übrigens beide keinerlei Wachstumsspitzen und litten teilweise unter Gewebeablösungen.

Bild 21: Ein Ableger derselben Koralle wie in Bild 19, diesmal bei einem PAR-Wert 1 200 µmol/(s·m²), allerdings in einem anderen Aquarium. Färbung ist, wie man sieht, das Resultat von Fütterung und Licht. Mit Spurenelementen, dem Nitrat-, Phosphat- oder dem Iodgehalt des Aquarienwassers hat das nach meinen Erkenntnissen nichts zu tun. Diese Koralle wurde in dem Aquarium gehalten, dessen recht nitrat- und phosphathaltige Wasserprobe in Bild 3 zu sehen ist. Die Behauptung, ein hoher Gehalt dieser beiden Nährstoffe verursache Braunfärbung aufgrund einer zunehmenden Dichte an Zooxanthellen im Gewebe, ist somit nicht haltbar.

Wenn also in Zukunft Korallen ihre Fangarme nicht mehr ausstrecken, sollte man dies als erste Warnung nehmen. Braune Beläge verursacht durch ausgestossene Dinoflaggelaten sind eine weitere Eskalationsstufe. Letztlich endet das alles dann in Gewebeauflösen oder Erkrankungen („Brown Jelly“ u.a.). Dass dies durch Wasserparameter verursacht wird, scheint mir zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber doch sehr unwahrscheinlich. Es sind ja meist nur einige Korallen betroffen, häufig nicht einmal alle Exemplare derselben Art. Die Wasserwerte sind aber für alle gleich. Was sich unterscheiden kann, sind Lichtverhältnisse, Strömung und die erhaltene Futtermenge. Letzteres könnte sich für viele geplagte Aquarianer als der Schlüssel zum Erfolg erweisen, sofern sie die dadurch verursachte Wasserbelastung in den Griff bekommen.

Bild 22: Ein feucht eingestellter Abschäumer trägt zur Erhöhung des Redoxpotentials und zur Verminderung gelöster und ungelöster Substanzen organischer und anorganischer Natur bei. Damit der Schaumtopf nicht überläuft, habe ich seinen Auslass (1) mit einem in Schaumtopfhöhe aufgestellten Kanister verbunden, dessen Deckel nicht fest verschlossen ist.

Literaturverzeichnis:

 

 

 

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